Informationen zu COVID-19 / Sars-CoV-2 Antikörpertests

Wir bekommen aktuell viele Nachfragen zu Antikörpertests. Der Körper bildet ein paar Wochen nach einer Erkrankung mit COVID-19 Antikörper. Diese können mittels einer Blutentnahme nachgewiesen werden. Die Argumentation lautet: “Wenn ich Antikörper gegen Sars-CoV-2 gebildet habe, dann bin ich immun und kann mich nicht mehr anstecken”. Eine verlockend einfache Vorstellung. Man bekommt Blut abgenommen und weiß dann, man ob man noch an COVID-19 erkranken kann oder nicht.

Warum raten wir Ihnen derzeit aber meist von dieser Untersuchung ab?

Leider kann ich Ihnen dafür etwas Statistik und Wahrscheinlichkeitsrechnung nicht ersparen. Da müssen Sie jetzt durch.

Um zu verstehen, was das Ergebnis dieser Tests bedeutet, müssen Sie folgende Einflussfaktoren kennen:

Prävalenz: Häufigkeit einer Erkrankung in einer Bevölkerung zu einem bestimmten Zeitpunkt.

Aktuell (Stand 15.5.20) wissen wir nicht genau, wie viele Prozent der Menschen in Deutschland schon an COVID-19 erkrankt waren. Diese Zahl ist nicht gleich zu setzen mit den Fällen, die wir kennen. Wir müssen abschätzen, wie viele Prozent der Bevölkerung erkrankt waren, auch wenn sie keine positiven Test hatten.  Gute Abschätzungen gibt es zur Zeit nicht. Vermutlich liegt die Zahl zwischen 0,03% und 1% der Bevölkerung.

Sensitivität und Spezifität der verfügbaren Tests:

Dies sind Gütekriterien eines Tests. Die Sensitivität gibt die Wahrscheinlichkeit an, dass ein Erkrankter als erkrankt erkannt wird. Die Spezifität gibt an, mit welcher Wahrscheinlichkeit ein Gesunder als gesund erkannt wird.

Für die aktuell verfügbaren Test liegen hierfür noch keine genauen Daten vor. Die besten Tests erreichen für beide Werte etwa 93%-95%. Es ist ein neuer Test von Roche angekündigt, der eine Sensitivität von knapp 100% und eine Spezifität von 99,8% erreichen soll.

Mit diesen Informationen führen wir jetzt ein paar Beispielrechnungen durch:

Aktuell verfügbare Tests:

In einer Population von 1000 Personen wird ein Antikörpertest durchgeführt.
Dieser Test erkennt 95% der Erkrankten als erkrankt (Sensitivität) und 95% der Gesunden als gesund (Spezifität).
In der Gesamtbevölkerung sind in Wirklichkeit 1% erkrankt gewesen (Prävalenz), das entspricht 10 Personen der Population.
An allen Personen der Population wird dieser Test durchgeführt.
Ergebnis:

Interpretation:
Von 60 Personen mit einem positiven Test waren in Wirklichkeit (nur) 10 Personen erkrankt. Das entspricht 16,67 Prozent.
Von 940 Personen mit einem negativen Test waren alle 940 Personen nicht erkrankt. Das entspricht 100 Prozent.

Das bedeutet: Ein solcher Test nützt Ihnen nichts! Selbst wenn sie einen positiven Antikörpertest haben, dann hatten sie nur zu 16,67% auch wirklich COVID-19! Die einzige Aussage dieses Testes ist, dass sie bei einem negativen Ergebnis zu fast 100% nicht COVID-19 hatten!

 

“Sehr guter Antikörpertest”, der noch nicht verfügbar ist:

In einer Population von 1000 Personen wird ein Antikörpertest durchgeführt.
Dieser Test erkennt 100% der Erkrankten als erkrankt (Sensitivität) und 99% der Gesunden als gesund (Spezifität).
In der Gesamtbevölkerung sind in Wirklichkeit 1% erkrankt gewesen (Prävalenz), das entspricht 10 Personen der Population.
An allen Personen der Population wird dieser Test durchgeführt.
Ergebnis:

Interpretation:
Von 20 Personen mit einem positiven Test waren in Wirklichkeit (nur) 10 Personen erkrankt. Das entspricht 50 Prozent.
Von 980 Personen mit einem negativen Test waren in Wirklichkeit 980 Personen nicht erkrankt. Das entspricht 100 Prozent.

Dieser Test ist viel besser. Trotzdem werden Sie bei einem positiven Antikörpertest lediglich die Information bekommen, dass sie zu 50% an COVID-19 erkrankt waren! Was machen Sie mit dieser Information? Es wird sie nur verunsichern! Oder sie werden Sich in falscher Sicherheit wägen!

 

Für welche Personengruppe macht ein Antikörpertest Sinn?

Ein Antikörpertest macht nur Sinn, wenn die Wahrscheinlichkeit sehr hoch ist, dass sie wirklich an COVID-19 erkrankt waren.

Ein Beispiel: Ihr Partner war nachgewiesen an COVID-19 erkrankt und sie haben mit Ihm während der gesamten Erkrankung in der Wohnung gelebt. Sie hatten milde Symptome und haben sich nicht testen lassen. In dieser Konstellation dürfte die Wahrscheinlichkeit, dass Sie wirklich an COVID-19 erkrankt waren viel höher sein als in der Allgemeinbevölkerung. Nehmen wir 70% an und rechnen es nochmal durch:

In einer Population von 1000 Personen wird ein Antikörpertest durchgeführt.
Dieser Test erkennt 95% der Erkrankten als erkrankt (Sensitivität) und 95% der Gesunden als gesund (Spezifität).
In der Gesamtbevölkerung sind in Wirklichkeit 70% erkrankt gewesen (Prävalenz), das entspricht 700 Personen der Population.
An allen Personen der Population wird dieser Test durchgeführt.
Ergebnis:

Interpretation:
Von 680 Personen mit einem positiven Test waren in Wirklichkeit (nur) 665 Personen erkrankt. Das entspricht 97,79 Prozent.
Von 320 Personen mit einem negativen Test waren in Wirklichkeit (nur) 285 Personen nicht erkrankt. Das entspricht 89,06 Prozent.

In dieser Konstellation haben sie auch mit den aktuell verfügbaren Tests eine gute Aussagekraft. Wenn wir Antikörper nachweisen können, dann waren sie auch zu 97,79% an COVID-19 erkrankt. Wenn wir bei Ihnen keine Antikörper nachweisen können, dann hatten Sie zu 89,06% nicht COVID-19.

Quintessenz:

Nur in wenigen Fällen – wenn es triftige Gründe dafür gibt , dass sie wirklich erkrankt waren –  können Sie sich auf die Ergebnisse eines Antikörpertestes verlassen.

Wenn Sie sich aber nur fragen, ob Ihr Husten vor ein paar Wochen COVID-19 war, dann werden Sie durch die Antikörpertests im Moment wohl kaum eine verlässliche Antwort bekommen.